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Um Arbeiten in großer Höhe zu verrichten, sind in der Regel Gerüste und Hebebühnen erforderlich. Doch wie soll man ein Gerüst aufstellen, wenn kein Platz dafür vorhanden ist? Oder wenn das Haus, an dem gearbeitet werden soll, viel zu hoch ist, um daran ein Gerüst aufzustellen? Oder stellen wir uns eine Bohrinsel in der Nordsee vor, an der marode Konstruktionsteile angebracht werden sollen – weder Kran noch Hebebühne noch Gerüst können hier viel weiterhelfen. Und genau aus dieser Situation heraus ist in den 1970er Jahren die Industriekletterei entstanden. Pfiffige britische Bergsteiger kamen auf die geniale Idee, ihr Hobby auch im Beruf einzusetzen und mit Hilfe von Kletterseilen und alpinistischer Sicherungstechnik die notwendigen Sanierungsarbeiten an der reparaturbedürftigen Bohrinsel zu verrichten. Diese ersten Industriekletterer waren es auch, die den Interessenverband Industrial Rope Access Trade Association (IRATA) gründeten, dem heute weltweit mehr als 15.000 Industrie- und Gewerbekletterer angehören. Auch in der ehemaligen DDR machte die Not erfinderisch. Als in den 1980er Jahren die Plattenbauten einer Sanierung bedurften und dafür keine Kranen und Gerüste zur Verfügung standen, wurden kurzerhand hobbymäßige Felskletterer als berufliche Fassadenkletterer eingesetzt, um auf diese Weise - mit Seil und Haken - die undichten Stellen in den Häusern zu flicken. Arbeitsschutzvorschriften verhinderten zunächst, dass der Einsatz von Industriekletterern auch in der Bundesrepublik Schule machte. Die Arbeit in luftiger Höhe schien zu gefährlich, vor allem sträubten sich auch Versicherungen dagegen, diese seilgestützten Arbeitstechniken in großer Höhe zu unterstützen. Dabei sind Industriekletterer bei Weitem keine waghalsigen Abenteurer, die aus lauter Spaß Kopf und Kragen riskieren, sondern sie beherrschen eine ausgefeilte Seilsicherungstechnik, die es auch in großer Höhe ermöglicht, ohne jegliche Gefahr schwierige Arbeiten auszuführen. Der 1995 gegründete Fach- und Interessenverband für seilunterstützte Arbeitstechniken (FISAT) wirbt sehr für dieses Bild des verantwortungsvollen und auf vollkommene Sicherheit bedachten Industriekletterers und setzt sich für die offizielle Anerkennung dieses Berufs ein. Gemeinsam mit Experten aus Industrie und Wirtschaft sowie aus Unfallversicherung und Höhenrettung wurden Richtlinien für die Ausbildung und Sicherheit der Industriekletterer entwickelt. Ein anerkannter Beruf ist Gewerbekletterer zwar noch immer nicht, aber immerhin ist seit 1997 eine anerkannte Ausbildung möglich, die sich vor allem auf die Vermittlung der Seilzugstechniken konzentriert. So können sich Maler, Zimmerleute, Metallarbeiter und andere Handwerker, die entsprechende gesundheitliche und körperliche Voraussetzungen mitbringen, fortbilden und sich mit einem offiziellen Zertifikat für Arbeiten in großer Höhe qualifizieren. Arbeiten an Gebäuden wie Fensterreinigung, Fassadenreinigung oder Taubenabwehr, bei denen sich die Industriekletterer von oben abseilen, sind mit ausgefeilter Seilzugstechnik genauso möglich wie Baumpflege und die Wartung von Strommasten, wo von unten nach oben geklettert wird. In jedem Fall ist die Industriekletterei weniger zeitaufwendig und wesentlich kostengünstiger als das Aufstellen von Gerüsten oder der Einsatz von Hebebühnen.